Januar - Das Rathaus an einem Wintertag um 1920

Schon häufig wurde über die besondere Symbolik geschrieben, dass die Stadt Rosenheim, die ihre Entwicklung so sehr ihrer verkehrsgeographischen Lage verdankt, ausgerechnet einen ehemaligen Bahnhof als Rathaus nutzt.

Als dieser erste Rosenheimer Bahnhof 1876 seine ursprüngliche Funktion nach dem Bau des neuen Empfangsgebäudes verlor, stand seine zukünftige Nutzung jedoch noch nicht fest. Am 29. April 1876, eine Woche nach dem Umzug des Bahnbetriebs, schrieb der „Rosenheimer Anzeiger“ etwas wehmütig: „Kaum eine Woche ist verflossen, seit das Dampfroß auf anderen Wegen unsere Stadt erreicht […]. Die vielbesprochene Überfahrt beim König Otto hemmt nimmer Roß und Reiter, ungehindert, fast verdrießlich passiert sie der harmlose Spaziergänger. Ein Blick in den öden, verlassenen Bahnhof zeigt uns ein noch trüberes Bild. […] Wie vor der Leiche irgend eines Gewaltigen der Erde stehen wir vor dem altbekannten Betriebsgebäude. Wenige Tage haben genügt, die Fenster zu erblinden. […] Nur der Königssalon hat seine Würde noch aufrecht zu erhalten gewußt; das schlecht geschlossene Fenster läßt die vergilbten Vorhänge vom Abendwinde leicht so bewegen, daß sie im Hinblick auf ihre jetzige Umgebung noch stolzer von den goldstrotzenden Leisten herabzuwallen scheinen.“

Im März 1877 bot die Stadtverwaltung der Generaldirektion der kgl. Verkehrsanstalten schließlich den Betrag von 257.200 Mark für den alten Bahnhof und die ehemaligen Gleistrassen mit einer Gesamtfläche von rund 31 Hektar. König Ludwig II. stimmte dem Verkauf am 29. Oktober 1878 zu und sechs Wochen später fand bereits die erste Sitzung des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten im neuen Rathaus, dem ehemaligen Bahnhof, statt. Die Räume des Magistrats, also der Stadtverwaltung, wurden im Erdgeschoss untergebracht, die Seitenflügel boten Platz für die Sitzungssäle und die Lateinschule. Im ersten Obergeschoss stand Raum für die Präparandenschule zur Verfügung und im zweiten Obergeschoss für die Dienstwohnung von Bürgermeister Friedrich Stoll. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Bevölkerungszahl Rosenheims und auch die kommunalen Aufgaben zunahmen, nutzte die Stadtverwaltung das Gebäude schließlich vollständig für ihre Zwecke.