Gasthaus und Weißbierbrauerei der Familie Bierbichler

um 1920
Gasthaus und Weißbierbrauerei der Familie Bierbichler, um 1920

Es war kein alltägliches Bauprojekt, das der Aiblinger Baumeister Johann Meishammer ab 1905 an der Ecke Herzog-Heinrich-Straße (heute Gillitzerstraße)/Herzog-Otto-Straße errichtete. Als Architekten hatte Meishammer den Münchner Franz Xaver Knöpfle gewählt, der für das Grundstück ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus in „heimischer Bauweise“ vorsah. Damals strebten Architekten, Volkskundler und Heimatschützer nach einem neuen bayerischen Stil, der sich als behäbige Variante des Jugendstils entwickelte und heute unter dem Begriff Heimatstil geläufig ist. Anfang 1907 war das markante Eckhaus fertig gestellt.
Nachdem Meishammer im Juni 1907 vom Besitzer der Flötzinger-Brauerei, Josef Krichbaumer, das „reale Bierwirtschafts-, Garkoch-und Metzgerrecht“ gepachtet hatte, stand dem Betrieb einer Gaststätte im Erdgeschoss des Hauses nichts mehr im Wege und am 24. August 1907 konnte Meishammers Pächter Benedikt Bierbichler schließlich das „Rosenheimer Volksstüberl“ eröffnen. Bierbichler war gelernter Fischermeister und hatte sich auch die Kunst des Weißbierbrauens angeeignet. Fischspeisen waren von Anfang an die Spezialität des Hauses, weshalb Bierbichler die Aufschrift „Fischküche“ auf die Fassade malen ließ. Die neue Gaststätte florierte: Von 24. August bis 31. Dezember 1907 wurden 236 Hektoliter Braunbier und 2,5 Hektoliter Weißbier ausgeschenkt. 1909 erwarb Bierbichler schließlich das Haus von Johann Meishammer und 1914 baute er im Rückgebäude ein neues Sudhaus ein, zumal sich das selbst gebraute Weißbier neben der Gaststätte und der im Hof betriebenen Fischhandlung zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle für die Familie entwickelte. Im Alter von 56 Jahren übergab Bierbichler 1919 die Geschäfte an seine Söhne Benedikt junior und Ferdinand. Letzterer machte sich 1936 in der Heilig-Geist-Straße mit einer eigenen Fischhandlung selbstständig. Daraus entstand der bis heute bestehende Fisch- und Lebensmittelgroßhandel Bierbichler.
Im Haus Gillitzerstraße 10 betrieb Benedikt Bierbichler junior nun die einzige Weißbierbrauerei Rosenheims. Nachdem er die Gaststätte, die seit den 1950er Jahren endgültig nurmehr „Fischküche“ genannt wurde, 1960 verpachtet hatte, übergab er die Brauerei in den 1970er Jahren an seinen Sohn Benedikt. Dessen Witwe und Sohn entschlossen sich 1996, Haus und Brauerei an die Flötzinger-Brauerei zu verkaufen. Seitdem wird Bierbichler-Weißbier nach altem Rezept in der Flötzinger-Brauerei gebraut. Die traditionsreiche Gaststätte „Fischküche“ besteht noch heute.

Text: Karl Mair

Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2008/8

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