April - Gefällte Kastanien im Salingarten im Sommer 1903

1905 fand die festliche Eröffnung des Neubaus der kgl. Filialbank an der Einmündung der Kufsteiner Straße in die Münchener Straße statt. Der Rosenheimer Stadtkern war mit dem großzügigen, von dem Münchner Architekten Eugen Drollinger entworfenen Bau um einen architektonischen Blickfang reicher geworden.

Zwei Jahre zuvor hatte jedoch die Standortwahl für das Bankgebäude heftige Kontroversen in der Rosenheimer Bürgerschaft ausgelöst. Die für das Bauprojekt notwendige Fällung von Kastanien an der nördlichen Ecke des Salingartens, wo die Regierung das Bankhaus errichten wollte, war derart umstritten, dass sogar das Rosenheimer Kollegium der Gemeindebevollmächtigten mehrheitlich gegen das Bauprojekt stimmte. Das Magistratskollegium, das zweite Verwaltungsgremium der Stadt, befürwortete jedoch den Bau, so dass einer Genehmigung nichts mehr im Wege stand. Im Juli 1903 wurden die Kastanien schließlich gefällt. Der „Rosenheimer Anzeiger“ schrieb dazu, die Fällung der Bäume sei, wie wenn man „die Lunge der Stadt aus einem gesunden Körper ziehe“. Drei Tage später druckte die Zeitung die Zuschrift eines empörten Lesers ab, der von einem „Akt des Vandalismus“ sprach „der in diesem Jahrhunderte nicht mehr denkbar sein sollte und hier und auswärts größte Erbitterung und Entrüstung hervorruft.“ Sogar das „Münchner Extrablatt“ berichtete von den Protesten gegen die Fällung der Kastanien.

Eine besondere Geschäftsidee entwickelte damals der Rosenheimer Drogist und Amateurfotograf Johann Weberpals. Er hatte vom Fällen der Kastanien Fotografien angefertigt, die er über die Buchhandlungen Bensegger und Berchtenbreiter verkaufte. Das Kalenderbild zeigt eine von Weberpals’ Fotografien: Auf den gefällten Kastanien spielen Kinder; links im Hintergrund sind Häuser an der Kufsteiner Straße zu sehen.

Die Kritik an der Fällung der Kastanien im Rosenheimer Salingarten im Jahr 1903 fällt in die Anfänge des Natur- und Landschaftsschutzes in Bayern. So gründete beispielsweise Architekt Gabriel von Seidl in München den „Isartalverein“, eine Initiative gegen die zunehmende Bebauung des Isartals, und im Deutsch-Österreichischen Alpenverein wurde damals die weitere Erschließung der Alpen heftig diskutiert.