Februar - Die Ehrenjungfrauen beim 50-jährigen Stiftungsfest des Turnvereins 1860 Rosenheim im Jahr 1910

Die Anfänge des seit 1933 so genannten „Turn- und Sportvereins 1860 Rosenheim“ gehen auf das Jahr 1860 zurück. So konnte der Turnverein Rosenheim im Jahr 1910, als er bereits über 200 Mitglieder zählte, sein 50-jähriges Stiftungsfest unter dem damaligen Vorsitzenden Josef Heliel begehen. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten fand am Sonntag, 15. August, auf dem Sommerturnplatz in der Wittelsbacherstraße „bei denkbar schlechtester Witterung“ in der Frühe ab 6 Uhr ein Preisturnen im Fünf- und Sechskampf statt. Auf einem Turnplatz, der „mehr einer Seeanlage“ glich, übten sich die angereisten Sportler beim Sechskampf in Schwung- und Kraftübungen an Reck, Barren, Pferd und Freiübungen; im Fünfkampf stand Stein- und Kugelstoßen, Hürdenlaufen, Weithochspringen und Schleuderball an. Wegen der schlechten Witterung verließen viele Turner Rosenheim schon gleich nach dem Preisturnen und es entfiel an diesem Tag der Festzug und der Reigen, den die hier abgebildeten 32 Turnermädchen mit ihrer Lehrerin Paula Becher eingeübt hatten. Immerhin fand noch das Kellerfest im Pernlohnerkeller mit Preisverleihung statt. Bei diesem Anlass dürfte das Bild mit den Ehrenjungfrauen entstanden sein. In der Bildmitte ist Rosenheims erste Turnlehrerin Paula Becher, geb. Brenner (1886- 1946) zu sehen, die Ehefrau des Magistratsoffizianten und späteren Stadtkämmerers Alois Becher (1875-1944).
Am Vorabend hatte Rechtsrat Kürzinger als Vertreter der Stadt auf dem Festabend im Hotel Deutscher Kaiser die Verdienste des Turnvereins um das Mädchenturnen gewürdigt. 1905 hatte der Turnverein erstmals ein freiwilliges Mädchenturnen für werktagsschulpflichtige Mädchen mit zwei Wochenstunden eingeführt. Hatten sich zu Anfang noch 201 Mädchen dazu angemeldet, so schrumpfte deren Zahl bis zum Schuljahr 1909/10 auf 70. Die in mehreren Gruppen stattfindenden Übungen mit je zwei Wochenstunden fanden von Mai bis September auf dem Sommerturnplatz des Vereins und von Oktober bis April in der städtischen Turnhalle an der Kaiserstraße statt. Wegen der „unverhältnismäßig schwachen Beteiligung“ konnte der Turnverein das Jahresgehalt an die staatlich geprüfte Turnlehrerin nicht mit den Beiträgen der Mädchen bestreiten und hatte einen Zuschussbedarf. Paula Becher erteilte den Turnunterricht bis 1912, als sie aus gesundheitlichen Gründen darauf verzichten musste. Sie behielt aber weiterhin die Oberleitung über das Mädchenturnen, das nun von der Schulpraktikantin Amalie Schiermaier unterrichtet wurde.