September - Das Waisenhaus auf der „Schönen Aussicht“ bei Fürstätt um 1935

Die Rosenheimer Waisenstiftung zum Bau und Unterhaltung eines Waisenhauses reicht bis 1895 zurück. Nachdem die Vernichtung der Vermögenswerte in der Inflation der 1920er Jahre dem Vorhaben einen Rückschlag bereitet hatte, war bis 1933 wieder eine Summe von rund 70.000 Mark angesammelt, so dass die Bauplanung angegangen werden konnte. Der größte Teil der 230.000 Mark umfassenden Gesamtkosten musste freilich durch die Mittel des städtischen Glückshafens und Spenden aufgebracht werden, so vom Konsumverein und Wirtschaftlichen Verband. Der Bauplatz hätte idealer kaum gewählt werden können: Die hochwassersichere, staubfreie und ruhige Lage auf dem „Schöne Aussicht“ genannten bewaldeten Höhenrücken des Dachsberges bei Fürstätt bietet eine beeindruckende Panoramaansicht vom Hohenstaufen bei Reichenhall bis hin zu den Schlierseer Bergen. Zur reizvollen Umgebung passte die architektonische Gestaltung des vollständig von Rosenheimer Unternehmen und Handwerkern erstellten Gebäudes durch Karl Kugler, der in einem Architektenwettbewerb als Sieger hervorgegangen war. Insbesondere der wuchtige Dachstuhl verleiht dem 1934/1935 erbauten Waisenhaus ein schlossartiges Äußeres. Das Gebäude war auf der Südseite mit einem Monumentalfresko des Rosenheimer Kunstmalers Michael Licklederer (1863-1948) mit dem Thema „Gemeinnutz vor Eigennutz“ geziert. Das Haus war für die Aufnahme von 50-60 Kindern geplant. Während 1933 noch die Übertragung der Leitung an die bewährten Mallersdorfer Armen Franziskanerinnen beschlossen wurde, erfolgte nach der Fertigstellung 1935 die Verpachtung an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) als Müttererholungsheim, wobei die NSV verpflichtet wurde, bis zu 15 Waisenkinder aufzunehmen und zu verpflegen. Ab 1940 diente das Haus als Wehrmachts-Reservelazarett und erhielt zu diesem Zweck einen Tarnanstrich. Nach dem Krieg befand sich dort ein Lazarett für die „Displaced Persons“, also Überlebende der Judenverfolgung und ehemalige Zwangsarbeiter. Nach der Freigabe durch die Militärregierung 1950 beschloss der Stadtrat die Instandsetzung und Rückführung zum ursprünglichen Zweck als Waisenhaus, was mit der Einweihung am 8. Oktober 1951 verwirklicht wurde.