Mai - Die Villa Aicher um 1925

Sie sollte eines der repräsentativsten Wohnhäuser der Stadt aus den 1920er Jahren werden – die Villa, die der Kaufmann Georg Aicher auf einem großzügigen Grundstück zwischen Küpferlingstraße und Prinzregentenstraße errichten ließ. Aicher wollte das geplante Gebäude fünf Meter von der Baulinie der Prinzregentenstraße abrücken, weil die „längs des Trottoirs gepflanzte Ahornallee morgens starken Schatten wirft und das Anwesen der Morgensonne beraubt“, so ein Schriftstück der Stadtverwaltung vom 3. Juli 1922. Im November 1923 war die Villa fertig gestellt. Der aus Österreich stammende und von der damaligen Rosenheimer Oberschicht bevorzugte Architekt Hanns Kornberger hatte eine streng symmetrische, spätklassizistische Villa großbürgerlichen Zuschnitts entworfen. Auch die Innenausstattung und der Garten waren aufwändig gestaltet. Auf dem ausgedehnten Grundstück flossen damals Herderbach und Küpferlingbach zusammen.
1925 verlagerten Georg Aicher und seine Brüder Simon und Xaver ihren 1912 als Holzhandlung in Traunstein gegründeten Betrieb vollständig nach Rosenheim, wo sich im Westen der Stadt mit dem Gelände der ehemaligen Sanierungsanstalt aus dem Ersten Weltkrieg ein günstiger Standort bot. Die Gebrüder Aicher betrieben hier zunächst ein großes Säge- und Hobelwerk, das sie bald um ein Parkett- und ein Sperrholzwerk erweiterten. 1952 entstand auf dem Werksgelände eines der ersten Spanplattenwerke Deutschlands. Ende der 1950er Jahre zählte das Unternehmen rund 600 Beschäftigte.
Georg Aichers Villa wurde 1945 von der amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt. Als die US-Army das Haus 1955 verließ, kehrte Aicher nicht mehr dorthin zurück, sondern vermietete das Anwesen. Nach seinem Tod – er starb 1967 im Alter von 80 Jahren als Ehrenbürger Rosenheims – stand die Villa leer und verfiel. 1974 wurde das inzwischen heruntergekommene Haus abgebrochen. Die damals geplante Bebauung mit bis zu achtstöckigen Wohnblöcken wurde jedoch nicht verwirklicht. Anfang der 1980er Jahre entstand auf dem Gelände ein Wohn- und Geschäftshauskomplex mit dem Namen „Haus Prinzregent“.

Text: Karl Mair