Januar - Über den Dächern von Rosenheim, um 1930

Einen ungewöhnlichen Standort wählte der Fotograf des Kalenderbildes für den Monat Januar. Es zeigt den Blick vom Dach der Marien-Apotheke über den Max-Josefs-Platz und die Dächer der Rosenheimer Innenstadt zum Wendelstein mit dem Mangfallgebirge.
Die Rosenheimer Dachlandschaft war etwa vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend von den typischen Grabendächern der Innstadthäuser geprägt, denen so genannte Vorschussmauern vorgeblendet waren. Diese sollten die Ausbreitung von Bränden von einem Haus zum nächsten verhindern und trugen zugleich durch ihre Höhe zur repräsentativen Wirkung der Bürgerhäuser bei. Die Dachflächen selbst waren lange mit Holzschindeln, später auch mit Dachziegeln belegt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Rosenheims im 19. Jahrhundert, der vor allem nach dem Eisenbahnanschluss 1857 einsetzte, wurden viele Bürgerhäuser der Altstadt zu gründerzeitlichen Geschäftshäusern umgestaltet. Dabei trug man meist die alten Dachstühle der Grabendächer ab und baute hinter den Vorschussmauern neue Stockwerke aus. Die ursprünglich glatten, manchmal auch bemalten Fassaden wurden nun in vielen Fällen mit kräftigen Gesimsen und Stuckdekor im Stil der Gründerzeit versehen. Am Max-Josefs-Platz als zentralem Stadtplatz und Mittelpunkt des Geschäftslebens waren fast alle Häuser von diesen Veränderungen betroffen. Gleichzeitig blieb trotz der Umgestaltungen die saalartige Wirkung des Platzes, die von der nördlichen und südlichen Häuserzeile geschaffen wird, erhalten.
Das Kalenderbild entstand an einem sonnigen Winternachmittag. Im Hintergrund sind in der Bildmitte der kleine Turm auf dem ehemaligen Wendelstein-Verlagshaus an der Rathausstraße und dahinter die Kamine der Saline zu sehen, weiter rechts der Giebel der früheren Kgl. Bank, der späteren Staatsbank, und die Kuppeln des Gillitzer-Blockes an der Münchener Straße.

Text: Karl Mair