Antisemitismus und Judenverfolgung in Rosenheim 1920 - 1924

Im Vergleich zu anderen oberbayerischen Städten war die Zahl der Juden, die in den Zwanziger und dreißiger Jahren in Rosenheim lebten, relativ groß. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren einige jüdische Familien in die wirtschaftlich prosperierende Innstadt zugewandert und hatten sich hier zumeist mit kleinen bis mittleren Einzelhandelsgeschäften niedergelassen. Da die Gemeinschaft bis zur Jahrhundertwende auf knapp 50 Personen angewachsen war, wandte sie sich im Jahr 1900 an den Stadtmagistrat mit der Bitte, einen eigenen israelitischen Kultusverein gründen zu dürfen. Dies verweigerten die Magistratsräte mit Hinweis auf die bayerische Judengesetzgebung und untersagten auch, gemeinsame Gottesdienste zu feiern.1) Die Rosenheimer Juden blieben nach wie vor der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde angeschlossen und mußten in der Landeshauptstadt auch ihre Toten bestatten.2)
Selbst der Familie des jüdischen Kaufmanns Leopold Maier, der einen Sohn im Ersten Weltkrieg verloren hatte, erlaubten die Rosenheimer Behörden nicht, den Gefallenen auf dem „Ehrenfriedhof' seiner Heimatstadt zu beerdigen, was für den Vater „die größte Enttäuschung und den herbsten Schmerz seines Lebens" bedeutete.3) Erst in den Jahren der Weimarer Republik wurden die Bestimmungen liberaler, so daß es den israelitischen Glaubensangehörigen Rosenheims endlich möglich war, an ihren Feiertagen eigene religiöse Zusammenkünfte abzuhalten. In die frühen Zwanziger Jahre fallen aber auch erste antisemitische Ausschreitungen, geschürt vor allem von der rührigen Ortsgruppe des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", die mit ihren Parolen, nicht zuletzt die Juden seien schuld an dem verlorenen Krieg und den Wirren der Revolution, bereitwillig Gehör fand.4) Bereits im Jahr 1920, in dem die NSDAP nicht zufällig in Rosenheim ihre erste Ortsgruppe außerhalb der Landshauptstadt gründete und „ein Herr Hittler [!] aus München" bei seinen wiederholten Auftritten und Hetzreden mit der Forderung, die „Judenfrage" mit „Brachialgewalt" zu lösen, begeisterte Anhänger fand,5) sahen sich die Juden der Stadt zunehmend Anfeindungen und Anpöbelungen ausgesetzt. Aufsehen über die Stadtgrenzen hinaus erregten Unterschriftslisten, die im Einwohnerwehrverband „Chiemgau" gegen einen jüdischen Zugführer und andere „semitische" Mitglieder kursierten. Die Verfasser kündigten darin „jede weitere Kameradschaft mit der jüdischen Rasse" auf, worauf der angefeindete Zugführer zurücktrat.6)
Als Zentrum und Ausgangspunkt der immer heftigeren Hetzkampagne kristallisierte sich das Rosenheimer Gymnasium heraus. Einzelne Professoren erschienen bei Einwohnerwehrübungen mit demonstrativ angeheftetem Hakenkreuz und benutzten ihre Schüler dazu, antisemitisches Propagandamaterial zu verbreiten.7) Immer wieder wurden Gymnasiasten ertappt, die antijüdische Klebezettel an Plakatsäulen, Wände und Bäume hefteten und Gebäude mit Hakenkreuzen beschmierten.8) Einem Höhepunkt strebten die Ausschreitungen im Juni 1920 entgegen. Nachdem ein Leserbriefschreiber in der Lokalpresse den jüdischen Bürgern vorgeworfen hatte, sie wollten die unerlaubten, gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstoßenden militärischen Übungen am Rosenheimer Gymnasium den Aufsichtsbehörden der Entente verraten,9) überfielen sieben Gymnasiasten und ein Mitglied des „Chiemgau" eine Villa in der Herbststraße, die zwei jüdische Familien bewohnten. Der Zorn der völkischen Gruppen richtete sich nicht zuletzt gegen sie, da einer der Bewohner, ein Milch-händler, dem Stadtrat gedroht hatte, er werde die Versorgung der Stadt einstellen, wenn die Hetze gegen die Rosenheimer Juden nicht unterbleibe.10) Mit Knüppeln bewaffnet, versuchte der Stoßtrupp nachts das Gebäude zu stürmen, was jedoch mißlang. Lärmend zogen die Gymnasiasten ab.11)
Nun mußte sich auch der Rosenheimer Stadtrat mit den antisemitischen Umtrieben befassen. Das Kollegium kam am 29. Juli 1920 zu dem Schluß, es sei bedauerlich, daß „die Bewegung zur Bekämpfung eines volksausbeuterischen Judentums [...], die in ihrem Wesen gewiß berechtigt" sei, durch solche Auswüchse in Mißkredit komme. Es wäre notwendig, daß besonnenere Anhänger der völkischen Bewegung die „jugendlichen Heißsporne" in Zukunft von weiteren unüberlegten Taten abhielten.12) Proteste des bayerischen Israelitischen Centralvereins gegen diese haarsträubende Stellungnahme blieben zunächst ohne greifbaren Erfolg.13) Erst als das Bayerische Innenministerium im September 1920 dem Stadtrat durch die Regierung von Oberbayern unmißverständlich mitteilen ließ, es hoffe, „daß nunmehr allenfalsige antisemitische Treibereien in Rosenheim ihr Ende gefunden haben",14) kehrte eine Beruhigung der angespannten Lage ein.
Sie fand jedoch ein abruptes Ende, als in der Nacht vom 8. zum 9. November 1923 Hitler im Münchner Bürgerbräukeller versuchte, die Macht an sich zu reißen. Zwischen 3000 und 5000 bewaffnete Angehörige des „Chiemgaubundes", anderer „vaterländischer" Gruppen und nationalsozialistischer Sturmformationen sammelten sich am Morgen des 9. November in Rosenheim, um auf Seiten der Putschisten nach München, wenn möglich nach Berlin zu marschieren, sahen sich aber vom kläglichen Scheitern des Aufruhrs in der Landeshauptstadt bitter enttäuscht. Um nicht unver-richteter Dinge abziehen zu müssen, zerrte eine Gruppe junger Leute einen jüdischen Geschäftsinhaber sowie seinen Sohn aus ihrem Laden und mißhandelte sie. Noch am 13. November, als sich die Mehrzahl der Chiemgaubündler wieder aufs Land zurückgezogen hatte, marschierten rund 80 Hitleranhänger demonstrierend durch die Stadt und lärmten drohend vor den Häusern der jüdischen Bürger.15) Es folgten Jahre trügerisch friedlicher Atmosphäre, doch war die latente Pogromstimmung gegen die Rosenheimer Juden nicht erloschen. Nachdem die Tiraden der nationalsozialistischen Werbetrommler in der Endphase der Weimarer Republik das Klima wieder zunehmend vergiftet hatten, begann mit der Machtergreifung Hitlers der eigentliche Leidensweg der jüdischen Einwohnerschaft. Erstes, wenn auch indirektes Opfer war ein älteres Kaufmannsehepaar. Wenige Tage, nachdem die deutschen Wähler am 5. März 1933 die NSDAP zur stärksten Partei des Reichs gemacht hatten, fand man am Mangfalldamm die Leiche des schon erwähnten Leopold Maier, den beim Versuch, ein Gewehr vor dem Zugriff der neuen Machthaber verschwinden zu lassen, vermutlich vor Aufregung der Herzschlag getroffen hatte. Als man seiner Frau die Nachricht überbringen wollte, hatte sie sich das Leben genommen.16)
Obwohl die NS-Regierung die Verfolgungen aus politischen oder rassischen Gründen seit der Machtübernahme gegenüber dem Ausland so weit als möglich verharmloste oder gänzlich bestritt, gelangten doch Berichte von Massenverhaftungen, Folterungen und Morden in die Auslandspresse. Eine willkommene Gelegenheit, gegen diese „jüdisch- kommunistische Greuelhetze" anzugehen, bot sich den Rosenheimer Stadtvätern, als am 30.März 1933 ein englischer Sportflieger auf dem Flugplatz Erlenau landete. Bürgermeister Knorr empfing ihn und versicherte, in Rosenheim herrsche völlige Ruhe. Zum Beweis dafür führte eine Delegation den Engländer in mehrere jüdische Geschäfte, wo ihm die Besitzer versichern mußten, „bisher" hätten sie „nicht die geringsten Schäden an Gut und Person" erlitten. Befriedigt erklärte der ausländische Gast, „daß der Lügenfeldzug in den Blättern des Auslands viel Geschwätz in sich berge, dem er nunmehr mit aller Energie entgegentreten werde".17)
Schon am folgenden Tag veröffentlichte der Rosenheimer Anzeiger jedoch den Aufruf des „Zentral-kommittees zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze", am 1.April 1933 seien Wachen vor sämtlichen jüdischen Geschäften aufzustellen, welche die Aufgabe hätten, vor dem Kauf in den Läden zu warnen. Der Rosenheimer SS-Führer Erich Sparmann gab die entsprechenden Adressen bekannt und brandmarkte die Juden, die „als Gäste mitten im deutschen Volk" wie schon im Krieg auch jetzt „ihr schmutziges Handwerk betrieben", als verbrecherische Drahtzieher einer antideutschen Stimmung im Ausland. Ihren „Terror" werde man nun brechen. Um aber bei den Antisemiten keinen übereifrigen Aktionismus zu erwecken, wurde darauf hingewiesen, tätliche Angriffe gegen Personen seien verboten. Auch war es ausdrücklich untersagt, Fensterscheiben zu zertrümmern oder andere Sachbeschädigungen zu begehen.18) Ohne Zwischenfälle ging dieser erste landesweit organisierte Boykott gegen jüdische Händler und Freiberufler in Rosenheim über die Bühne. Vormittags gegen 10 Uhr marschierten uniformierte Abteilungen der Rosenheimer SA vor allen jüdischen Geschäften auf. Stolz posierten sie mit Schildern mit der Aufschrift „Deutsche, kauft nur bei Deutschen! Kauft nicht beim Juden! Der Jude hetzt gegen Deutschland!" für die Photographen. Aus Angst vor Ausschreitungen hielten die betroffenen Geschäftsbesitzer ihre Läden geschlossen.19)
Das war jedoch nur der Anfang. Auch in den folgenden Jahren waren die jüdischen Bürger Rosenheims ständig Repressalien und Anfeindungen ausgesetzt. Von den 11 jüdischen Geschäftsbesitzern, die Anfang 1933 ihre Läden in der Innstadt betrieben hatten, kapitulierten sechs bis zum Jahr 1937.20) Verzweifelte Versuche, sich demonstrativ als staatstreue Bürger zu erweisen, riefen bei den Nationalsozialisten eher das Gegenteil des gewünschten Effekts hervor. Empört meldete ein Denunziant dem „Stürmer", Julius Streichers antisemitischem Hetzblatt, Vorgänge bei der pompösen Rosenheimer NSDAP-Kreistagung im Mai 1937. Der jüdische Konfektionshändler Schönwald am Max-Josefs-Platz habe bei der feierlichen Stadtbeleuchtung rote Hakenkreuzlämpchen in sein Fenster gestellt, außerdem die Frechheit besessen, beim Vorbeimarsch die Fahnen zu grüßen: „Eine kleine Maßregelung vom Stürmer würde dem feisten Juden nicht schaden."21)
Dieser militante Judenhaß hatte jedoch keineswegs die gesamte Bevölkerung Rosenheims ergriffen. Die Schreibwarenhandlung, die den „Stürmer" bislang vertrieben hatte, bestellte ihn noch im Mai 1937 ab, zu gering war wohl der Absatz des Blattes.22) Ein weit auffälligeres Zeichen dafür, daß ein großer Teil der Bevölkerung sich wenig um die antisemitischen Hetzparolen kümmerte, war die Tatsache, daß die Geschäfte jüdischer Kaufleute nach wie vor und trotz aller Boykottaufrufe und Behinderungen frequentiert waren. Ein besonderer Dorn im Auge war dies einigen rührigen NS-Aktivisten, die immer wieder mit Rückendeckung Oberbürgermeister Gmelchs versuchten, die letzten jüdischen Bewohner der Stadt durch Drohungen und Übergriffe zu vertreiben und Rosenheim „judenrein" zu machen.
Ab der Vorweihnachtszeit 1937 stellte dazu die Rosenheimer Ortsgruppe der NS-Kriegsopfervereini-gung Posten vor den verfemten Geschäften auf, um die Bevölkerung von Einkäufen abzuhalten. Der im Haus des jüdischen Geschäftsinhabers Fichtmann wohnende Dentist August Gill entlohnte die Posten mit 5 RM pro Tag.23) Allerdings erwies sich diese Maßnahme als wenig erfolgreich. Besonders die Landbevölkerung kaufe jetzt „gerade erst" bei den Juden ein, bemängelte die Rosenheimer Schutzpolizei.24) Sogar Parteigenossen wurden bei Einkäufen in jüdischen Geschäften ertappt und ihnen das Parteiabzeichen abgenommen.25) Um den Druck auf „judenfreundliche" Bevölkerungsteile zu verstärken, sollten mit Hilfe der Polizei die Namen der Personen ermittelt werden, welche gegen den Boykott verstießen, doch folgten einige Beamte nur widerwillig dieser Aufgabe und enthielten die erstellten Namenslisten den Parteileuten vor, so daß die Personalien mit Hilfe des Oberbürgermeisters eingefordert werden mußten. Immer wieder führte der Zwangsboykott auch zu Auseinandersetzungen mit Kunden, welche sich weigerten, ihre Namen zu nennen und die Geschäftsbesitzer in Schutz nahmen. Schließlich kam es im Konfektionsgeschäft Westheimer in der Münchner Straße (damals Hindenburgstraße) zu einem Handgemenge zwischen einem SA-Sturmführer und einem aufgebrachten Käufer, wobei dessen Kleidung zerrissen wurde. Der anwesende Polizist, der sich auch bisher wenig begeistert von seinem Einsatz gezeigt hatte, nannte dem Geschädigten den Namen des Schuldigen, so daß gegen ihn Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet werden konnte.26) Ein anonymer Briefschreiber beschwerte sich schließlich beim bayerischen Gauleiter Adolf Wagner über den Terror gegen jüdische Geschäfte und ihre Kunden, der in dieser Form nur in Rosenheim ausgeübt werde.27) Nach Bekanntwerden dieser Vorgänge sah sich die Münchner Gestapozentrale gezwungen, das Bezirksamt Rosenheim zur Ordnung zu rufen. Es sei verpflichtet, „rücksichtslos gegen alle Einzelaktionen vorzugehen und mit allen Mitteln für unbedingte Ruhe, Sicherheit und Ordnung zu sorgen [...]. Das bloße Aufmerksammachen von Kunden, daß es sich bei dem fraglichen Geschäft um ein jüdisches Unternehmen handelt, sowie ein evtl. Photographieren der Käufer beim Verlassen der Geschäfte" sei durchaus erlaubt, „Beschmutzung und Beschädigung, sowie jede Gewaltanwendung an Personen und Sachen" dagegen strikt verboten. Man „ersuche daher unter Berücksichtigung des Willens des Führers, mit allen Mitteln derartige Einzelaktionen abzustellen und insbesondere bei den dortigen Parteikreisen den Erlaß des Führers und Reichskanzlers erneut in Erinnerung zu bringen."28)
Der antisemitische Tatendrang der Rosenheimer Nazis, der weit über das „landesübliche" Maß hinausging, war aber dadurch nicht zu bremsen. Im August 1938 genehmigte der Stadtrat einen Schaukasten am Max-Josefs-Platz, der dazu dienen sollte, die Namenslisten der „Judenfreunde", also von Bürgern, die gegen den Boykott verstießen, öffentlich auszustellen.29) Gleichzeitig bemühte sich Oberbürgermeister Gmelch, allerdings mit geringem Erfolg, um die Genehmigung, die Geschäfte Rosenheimer Juden, wie im „heimgekehrten" Österreich üblich, mit Schildern oder Plakaten zu kennzeichnen.30)
Als aber ein SA-Standartenführer aus dem Münchner Polizeipräsidium dem Hauptamt für Kriegsopfer in der NSDAP-Reichsleitung meldete, er habe gesehen, daß in Rosenheim ein beinamputierter Schwerkriegsbeschädigter auf zwei Krücken und mit goldenem Partei-und HJ-Abzeichen auf der Brust Posten vor einem jüdischen Geschäft gestanden habe, waren die eigenmächtigen antisemitischen Aktionen in Rosenheim den vorgesetzten Behörden endgültig zuviel. Zwar sah sich das Kriegsopferamt außerstande, selbst einzugreifen, da die lokale Parteispitze die Boykottmaßnahmen deckte, doch übergab es die Angelegenheit dem Stab des Führerstellvertreters, der wiederum die zuständige Gauleitung einschaltete. Sie wies den Rosenheimer Kreisleiter Heliel am 31. August 1938 an, die Posten sofort zurückzuziehen. „Die endgültige Regelung in der Frage jüdischer Geschäfte" werde jedoch „in allernächster Zeit" erfolgen, wurde ihm vertraulich mitgeteüt. „Aus diesem Grund sind Einzelaktionen, schon im Interesse des arischen Nachfolgers eines solchen Geschäftes, im Augenblick nicht mehr am Platze." Sie schädigten „letzten Endes jetzt nur noch das Völksvermögen".31)
Den Vorwand, um massiv gegen die letzten jüdischen Geschäftsleute vorzugehen, die bislang allen Repressalien standgehalten hatten, und endlich „spontan" loszuschlagen, bot die Ermordung des deutschen Diplomaten v. Rath in Paris durch einen Juden am 7. November 1938. Für die Nacht vom 9. zum 10. November erhielten auch die SA-Verbände der Provinzgebiete den Befehl, die im jeweiligen Standartenbereich befindlichen jüdischen Geschäfte oder Wohnungen zu zerstören. Wieder waren, dem schizophrenen Rechtsempfinden des Regimes folgend sowie aus Angst vor einem allzu negativen Auslandsecho, unkontrollierte Einzelaktionen ausdrücklich untersagt, Übergriffe auf Leib und Leben sowie Plünderungen verboten. Um keine Störung des Vernichtungsfeldzugs durch die Ordnungskräfte zu riskieren, wurden die Polizeistationen rechtzeitig von dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt.32) Am 10. November 1938 drangen zwischen drei und vier Uhr morgens Trupps von acht bis zehn Männern in die letzten beiden Läden jüdischer Kaufleute, Westheimer am Ludwigsplatz und Obernbreit in der Gillitzerstraße, ein und begannen, systematisch Einrichtung und Waren zu zerstören. Mit Beilen wurden Regale, Öfen, Registrierkassen, Beleuchtungskörper und Schaufenster zerschlagen, die Waren herausgerissen und auf die Straße geworfen. Bettfedern wurden aus der Umhüllung getrennt, Stoffe, Kurzwaren und Wäsche unbrauchbar gemacht. Passanten und Nachbarn nutzten die günstige Gelegenheit, sich noch unversehrte Waren anzueignen. Als die Geschäftsbesitzer am Morgen ihre Läden öffnen wollten, fanden sie ihre mühsam aufgebaute Existenzgrundlage zerstört und geplündert vor.
Die Rosenheimer Kriminalpolizei beschränkte sich auf einen lapidaren Bericht an die Staatsanwaltschaft Traunstein und war vor allem bemüht, entwendete Waren wieder herbeizuschaffen und weitere Diebstähle zu unterbinden. Städtische Arbeiter sammelten noch auf der Straße umherliegende Gegenstände auf und brachten sie in die zerstörten Geschäfte zurück.33)Die Ermittlungen gegen die Täter wurden wenig später „auf Grund besonderer Weisung" eingestellt.34) In Ausführung der „Verordnung zur Entfernung der Juden aus dem Wirtschaftsleben", die „Rosenheims größter Sohn" Hermann Göring in seiner Eigenschaft als „Beauftragter für den Vierjahresplan" erlassenen hatte,35) übernahmen kurze Zeit später „arische" Kaufleute die Geschäfte.
Damit war es den braunen Machthabern gelungen, auch das letzte Beharrungsvermögen der jüdischen Bevölkerung zu brechen und den Rest ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten zu unterbinden. Was geschah aber mit den Menschen, deren Existenz zerstört und die aus der Stadt vertrieben wurden? Mit Hilfe einer Dokumentation der bisher greifbaren Lebensdaten Rosenheimer Juden und anhand des exemplarischen Schicksals der Familien Fichtmann und Block soll in den folgenden Beiträgen dieser Frage nachgegangen werden.

Wolfgang Stäbler

Anmerkungen:

1) StARo, Altregistratur III A 2 - 12.
2) OPHIR, Baruch Z, WIESEMANN, Falk: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 -1945. Geschichte und Zerstörung. München 1979, S. 63.
3) Münchner Post vom 21. 6. 1920; RA vom 14. 3.1933.
4) Zur Rolle des Deutschvölkischen Schutz-und Trutzbundes als Vorreiter der NSDAP am Beispiel Rosenheims: LOHALM, Uwe: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes 1919 - 1923: Hamburg 1970, S. 306.
5) Eine Klage der Münchner Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens (CV) wegen dieses Ausspruchs vom 21.4.1921 wurde zurückgewiesen; OPHIR / WIESEMANN S. 62 f. Vgl. Hitlers Referat am 30. 8.1920 im Saubräukeller zum Thema: „Warum sind wir Antisemiten?" Polizeibericht vom 1. 9. 1920, StARo, Altregistratur I A 1 - 77.
6) Abgedruckt in KÖGL, Otto: Revolutionskämpfe im südostbayerischen Raum. Rosenheim 1969, S. 281. Der Stadtrat leitete eine Beschwerde der Israelitischen Kultusgemeinde an den Rosenheimer „Chiemgau"-Führer Graßmann weiter, der sich eiligst von der Aktion distanzierte. Das Bayerische Innenministerium teilte dazu am 9. 9.1920 mit, der Ausschluß von Einwohnerwehrmitgliedern, nur weil sie Juden seien, sei unzulässig. StARo, Altregistratur III A 2 - 17. Vgl. RTW vom 23. 5.1920 und 29. 5.1920; Münchner Post vom 22. 5.1920, 27. 5.1920 und 21.6.1920.
7) Münchner Post vom 21.6.1920.
8) StARo Altregistratur III A 2 -17, Polizeiberichte vom 6.6. und 14.6.1920.
9) RTW vom 29. 5.1920.
10) StARo, Altregistratur III A 2 - 17, Berthold Holzer am 5.6.1920.
11) Ebenda, Polizeibericht vom 15.6.1920.
12) Ebenda, Sitzungsprotokoll- Auszug vom 29. 7.1920.
13) Ebenda, Landesverband Bayern im CV an Stadtrat Rosenheim 11. 8.1920,
16. 9.1920.
14) Ebenda, Innenminister Schweyer an die Regierung von Oberbayern, 9. 9.1920.
15) Halbmonatsbericht des Regierungspräsidenten von Oberbayern vom 19.11. 1923, abgedruckt in: DEUERLEIN, Ernst: Der Hitlerputsch. Bayerische Dokumente zum 8/9. November 1923. Stuttgart 1962,
S. 414 f.
16) RA vom 14. 3.1933.
17) RA vom 30. 3.1933; Illustrierte Sonntagszeitung vom 9.4.1933.
18) RA vom 31. 3.1933.
19) RA vom 1./2.4.1933; Illustrierte Sonntagszeitung vom 9.4.1933.
20) StAM, NSDAP 546.
21) Ebenda.
22) Ebenda.
23) Ebenda.
24) Personalakt Moses Wolf Fichtmann, Stadt Rosenheim, Registratur, Polizeibericht vom 14.6.1938.
25) StAM, NSDAP 548, Berichte der Posten Hermann Morgenroth und August Kraus an OGL Rosenheim vom 14/15. 8. 1938.
26) StAM, NSDAP 546.
27) Personalakt Moses Wolf Fichtmann, Stadt Rosenheim, Registratur, Anonymer Brief (Abschrift) vom 13.6.1938.
28) StAM, NSDAP 546.
29) StARo, Altregistratur I A 1 - 102, Stadtratsbeschluß auf Antrag des H. Morgenroth.
30) Ebenda, Antrag des H. Morgenroth vom 21. 8.1938; Oberbürgermeister Gmelch an die Regierung von Oberbayern am 26. 8.1938, 6. 9.1938 und 13.10.1938.
31) StAM, NSDAP 546.
32) StAM, Staatsanwaltschaften 14297.
33) Ebenda.
34) Ebenda.
35) RA vom 14.11.1938.